Von
Mobbing spricht man im sozialwissenschaftlichen Sinn, wenn folgende Sachverhalte gegeben sind:
Eine Person oder eine kleine Gruppe von Personen wird von mehreren Personen oder einer größeren Gruppe von Personen verbal und / oder tätlich eingeschüchtert, belästigt oder gar angegriffen. Infolge privater oder beruflicher Umstände ist es nur unter erheblichem Aufwand oder gar nicht möglich, den mobbenden Personen auszuweichen. Die mobbenden Personen befinden sich psychologisch oder real in einer Übermachtstellung, so dass Gegenwehr aussichtslos erscheint, unmöglich ist oder sogar weitere Verschlimmerung der Situation erwarten lässt. Dieser Zustand besteht über längere Zeit, zumindest einige Wochen.
Vieles, was in den Medien häufig genannt wird, fällt demnach nicht unter
Mobbing. Ein Vorgesetzter oder Kollege, welcher einen unfreundlich oder provozierend anschnauzt, auch wenn er dies mehrmals wiederholt, ist einfach nur unhöflich, aber er „mobbt“ nicht. Erst wenn sich mehrere Kollegen zusammentun, vielleicht sogar die ganze Abteilung, und dieses Verhalten über Wochen hinweg „zur Gewohnheit“ wird, spricht man von Mobbing. Die Stammtischrunde, die einen einmal, und sei es noch so heftig, „auf der Schaufel“ hat, mobbt nicht. Die Stammtischrunde kann nicht mobben, denn man kann ganz einfach nach Hause gehen und künftig weg bleiben. Das in letzter Zeit medial so „beliebte“ Mobbing per Internet oder Handy ist nicht möglich. Ein SMS muss man nicht lesen, das Handy kann man abschalten, im Internet muss man nicht chatten, auch das „einer größeren Gruppe ausgeliefert sein“ fehlt in der elektronischen Kommunikation völlig. Das heißt nicht, dass es diesbezüglich nicht auch Opfer geben kann, welche Schlimmes erlebt haben und der Hilfe bedürfen. Aber es handelt sich eben nicht um Mobbing-Opfer.
Damit sind wir schon beim ersten
Grundsatz der Selbsthilfe für – vermutliche – Mobbing-Opfer, der Frage: (Wie) Kann ich die unerwünschte Situation vermeiden?
Oft genügen kleine Maßnahmen, ein anderer Weg zur Arbeitsstelle, etwas früher / später beginnen, die Pause wo anders verbringen, nicht alleine in die Situation begeben, etc. Ein bisschen in Ruhe darüber nachdenken, etwas Kreativität und man wird in vielen Fällen einen einfachen und wirksamen Ausweg finden.
Gibt es – mit vertretbarem Aufwand – keinen sinnvollen Weg der Vermeidung, muss man nach einer anderen Methode suchen, um das bereits verfestigte, negative „Kommunikationsritual“ – nichts anderes bedeutet Mobbing – zu unterbrechen. Ist die Ausweglosigkeit keine reale, weil man zwar „nur“ im Internet in eine solche Situation geraten ist, man aber den „Ausstieg“ nicht schafft, weil die virtuelle Bezugsgruppe bereits stärker ist als die zur Verfügung stehenden realen Kontakte, dann ist es höchste Zeit für professionelle Hilfe. Diese sollte aber über die „eigentliche“ Problematik informiert werden, eben nicht Mobbing, sondern Verlust ausreichend tragfähiger realer Sozialbeziehungen. Dies gelingt aber auch nur, wenn man sich nicht – dem medialen Druck der „Mode Mobbing“ folgend – bereits eine Identität als „Mobbingopfer“ aufgebaut hat.
Ist die mobbende Gruppe aber im familiären Umfeld, oder im beruflichen Rahmen, z.B. im Schichtdienst, derart, dass man die unangenehmen Situationen nicht oder nur unter erheblichem Aufwand vermeiden kann, gibt es zwei weitere Grundsätze, welche Linderung oder Abhilfe bringen können:

Suche Verbündete. Schon der Umstand, sich jemandem anzuvertrauen, kann Erleichterung verschaffen. Ein(e) gute(r) Verbündete(r) muss aber gar nicht unbedingt eingeweiht sein. Oft genügt die bloße Anwesenheit (!), um die Situation so zu verändern, dass das „mobbende“ Kommunikationsritual nicht mehr (ungestört) ablaufen kann. Tritt diese „Störung“ mehrmals, idealerweise für die Mobbenden unvorherseh- und unkontrollierbar auf, besteht eine gute Chance, das störende Verhaltensmuster abzuschwächen, oder gar zum Verschwinden zu bringen.

Verbünde Dich mit den Tätern. Lässt sich kein(e) ideale(r) Verbündete(r) finden, muss man auch in der Gegenwehr zu „härteren Methoden“ greifen. Durch Vorwegnahme des als unangenehm Erlebten, z.B. durch die Frage „Was werdet Ihr mir heute wieder antun?“, kann man den Angreifern sehr viel Wind aus den Segeln nehmen. Mit Bemerkungen wie „Euch fällt bestimmt wieder etwas besonders Gemeines ein!“ kann man „den Stier bei den Hörnern packen“, somit der mobbenden Gruppe „die Freude an ihrem Tun“ verderben und das Quälen des Opfers wird zunehmend uninteressant.
Oft ist man aber bereits zu stark in der „Opferrolle“ verhaftet, so dass einem solche Möglichkeiten (scheinbar) gar nicht mehr wirklich offen stehen. Dann wird auch der nächste Grundsatz leicht zum unüberwindlichen Hindernis:

Gehe zu höheren Vorgesetzten, zur Personalabteilung, zum Fairness-Komitee oder zum Betriebsrat. Alle diese sollten ein überaus offenes Ohr für solche Anliegen haben (der Betrieb macht sich schließlich strafbar, wenn Mobbing nicht unterbunden wird) und haben auch in der Regel Kontakte zu professionellen Helfern von außen. Je nach Sachlage kann ein Mediator, Coach, Psychologe um sachkundige und nachhaltige Hilfestellung zur Bereinigung der Situation geholt werden.
Man darf sich nicht darüber hinweg täuschen, dass es zur Anwendung der dargelegten Grundsätze eines intakten Selbstbewusstseins und einer „gesunden“ Ich-Stärke bedarf. Es kostet Überwindung, „den Stier bei den Hörnern zu packen“, Risiko einzugehen (man könnte auch selbst den Arbeitsplatz oder langjährige Bindungen verlieren) und aktiv gegen die Festschreibung der Opferrolle vorzugehen. Dort – das zeigt die Praxis – beißt sich auch in vielen Fällen „die Katze in den Schwanz“. Verfügt jemand über eine ausreichende Ich-Stärke, ist er / sie nicht wirklich „mobbar“, weil die mobbende Gruppe schnell die Freude verliert oder merkt, dass erhebliche „Kosten“ für das negative Verhalten entstehen. Fehlen jedoch Selbstbewusstsein und Ich-Stärke, stößt die Anwendung der Selbsthilfe ebenso wie der Hilferuf nach außen auf schier unüberwindliche Hindernisse.
Zusammenfassend ist daher festzustellen, dass tragfähige Sozialbeziehungen unerlässlich sind, um diesen und ähnlichen Problemen zu begegnen. Nur so kann Vertrauen entstehen, und nur dadurch können sich Selbstbewusstsein und Ich-Stärke entfalten. Jede(r) Einzelne, auch und gerade als Opfer (!), sollte sich fragen: „Wann und wo bin ich schon auf der anderen Seite gestanden? Wer könnte sich durch mein Verhalten gekränkt, eingeschüchtert, verletzt fühlen? Wann und wo habe ich mitgemacht oder auch nur weggeschaut? Wann, wo und WEM könnte ich helfend zur Seite stehen, als vertrauensvolle(r), stärkende(r), unterstützende(r) Verbündete(r)?
Michael Herdlitzka
gerade das eigene fehlende Selbstbewußtsein macht es den Betroffenen aber so schwer, sich ihrem Problem zu stellen.
Nicht selten kommt es vor, das sich solche Mobbingopfer noch selbst die Schuld geben.
Menschen mit einem ausgeprägtem Selbstbewußtsein, werden es wohl eher schaffen, sich solcher Torturen zu entziehen. Wichtig ist eben auch, dass das soziale Gefüge stimmt und es Ansprechpartner für von Mobbing betroffenen Opfer gibt.
Karsten
Guten Tag, ich denke es ist wichtig, dass es "eine" gemeinsame Definition für den Begriff "Mobbing" geben sollte. Aus meiner Sicht hat das Bundesarbeitsgericht mit der Schaffung der neuen Definition i.D.d. § 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes - AGG einen wertvollen Meilenstein gesetzt. - Mobbing als solches zu erkennen und zu bewerten ist nun ein Stück weit einfacher geworden:
BUNDESARBEITSGERICHT Urteil vom 25.10.2007, 8 AZR 593/06
Ich denke, dass es aufgrund vg. Rechtssprechung nicht mehr notwendig sein wird, andere Definitionen zu verwenden, die möglicherweise insbesondere vor den Gerichten zu Problemen hinsichtlich der Anerkennung von Mobbing führen könnten.
Der Newsletter der RA Bell & Windisch[/url] zeigt dies nocheinmal ganz gut auf.
siehe http://www.uni-augsburg.de/einrichtungen/gleichstellungsbeauftragte/downloads/mobbing_neu_definiert.pdf
Gruss
Bei vermeintlichen Mobbing sollte man besser hier mal zu erst Rat suchen.
Weitere Ansprechpartner finden sich auch im Wiki. Infos hier.
Gruss
Tom