Montag, 10. September 2007
Gewerkschaften fordern Untersuchung der Arbeitsbedingungen. Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf
Nun zum Ausland und der der Firma Renault. Ist es Zufall das es wieder die Autoindustrie ist, die nach Korrution und Lustreisen, nach Bestechung und ...bla,bla .... wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wird. Super, wie die Gewerkschaften und die Presse in Frankreich zusammen wirken. Armes Deutschland, arme Automobilarbeiter. Da hilft nur ein Ratschlag: Der Ratschlag!
Nun gibts es wieder neues aus dem Land von Rotwein und Liebe. Sind das die Vorboten für Deutschland?
Droht uns bald eine Welle von Selbstmorden oder gar Lynchjustiz.
Ist der Frust der gemobbten, ist das Faß bald voll? Verstehen könnte ich es!
Und weil es die Methodik so verdeutlicht noch ein älterer Artikel der SZ. Er könnte auch beginnen: einst hatte VW eine Betriebsvereinbarung...
Suizid-Serie bei Renault Fabian Kröger 23.02.2007
Gewerkschaften fordern Untersuchung der Arbeitsbedingungen.
Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf
Die Angestellten des Technocentre von Renault bei Paris stehen unter Schock. Sie erfuhren am Dienstag, dass sich einer ihrer Kollegen, ein 38-jähriger Ingenieur, am Freitag in seiner Wohnung erhängt hat. Er arbeitete an dem neuen Modell Laguna, das im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Dies ist bereits der dritte Angestellte des Technocentres, der sich innerhalb der letzten vier Monate umgebracht hat, und sogar [extern] der fünfte in zweieinhalb Jahren. Die Staatsanwaltschaft von Versailles hat nun strafrechtliche Ermittlungen aufgenommen. Gegenstand der Untersuchungen sind dabei nicht die direkten Todesumstände des Angestellten, sondern seine Arbeitsbedingungen:
In einem Abschiedsbrief an seine Familie schreibt der Angestellte, er sei "nicht mehr fähig, diese Arbeit zu machen", sie sei "zu schwer auszuhalten", zitiert die Zeitung Le Parisien in ihrer Ausgabe vom 20. Februar aus dem Brief. Der seit 14 Jahren bei Renault arbeitende Ingenieur habe darin auch den Namen des Renault-Chefs Carlos Ghosn erwähnt. Obwohl seine Kollegen bemerkt hatten, dass der Ingenieur den Arbeitsbelastungen nicht mehr zu folgen wusste, rechneten sie aber nicht mit einer solchen Geste. Laut seiner Ehefrau "nahm er seine Unterlagen mit nach Hause und stand nachts auf, um zu arbeiten", schreibt Le Parisien.
Dritter Suizid eines Technocentre-Mitarbeiters in vier Monaten
Erst am 30. Januar gab es einen Schweigemarsch von 600 bis 800 Technocentre-Angestellten für zwei Kollegen, die sich im Oktober und Januar während der Arbeit direkt auf dem Gelände der Firma umgebracht hatten. Das Technocentre von Renault ist ein 30 km westlich von Paris gelegenes Forschungs- und Entwicklungszentrum, in dem 12.500 Angestellte arbeiten. In dem 150 Hektar umfassenden Industriekomplex wird seit 1998 der größte Teil der neuen Modelle konzipiert, gezeichnet und entwickelt. Jean Hotebourg (http://) von der Gewerkschaft CGT ([extern] Confédération Générale du Travail) fordert nun, dass "diese Suizide genauso wie Arbeitsunfälle behandelt werden".
Die beiden ersten Suizide fanden direkt im Technocentre statt: Ein 39-jähriger Informatiker stürzte sich am 20. Oktober letzten Jahres vor den Augen zahlreicher seiner Kollegen um 10 Uhr morgens von einer Fußgängerbrücke der fünften Etage in die Tiefe. Als nächstes ertränkte sich am 22. Januar 2007 ein 44 Jahre alter Angestellter in einem Teich in der Nähe des Gebäudes. Er hatte an der technischen Dokumentation des neuen Twingo gearbeitet. Er habe "demonstrativ das Ergebnis seines Gesprächs mit den Chefs auf dem Bildschirm seines Computers gelassen", verdeutlichte Hotebourg.
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Die CGT ist sich in einer [extern] Erklärung vom 26. Januar sicher, dass es sich bei diesen Fällen aber nur um die Spitze des Eisbergs handelt. "Weinkrämpfe, Schlafstörungen, Depressionen, Einnahme von Beruhigungsmitteln" seien andere, weniger spektakuläre Folgen des zunehmenden Drucks. Seit dem Tod des dritten Technocentre-Mitarbeiters wurde die CGT von zwei Ehefrauen kontaktiert, deren Männer unter ähnlichen Belastungen litten wie die Kollegen, die sich umbrachten: Sie kehrten erst nach 22 Uhr von der Arbeit zurück, hätten den Eindruck, unter dem Leistungsdruck zusammenzubrechen. Eine der Frauen habe unter Tränen berichtet, dass sie sich nicht getraut habe, ihrem Mann davon zu erzählen, dass sie die Gewerkschaft informiert habe, [extern] berichtete CGT-Gewerkschafter Vincent Neveu..
Neue Überwachungsmethoden
Für die Gewerkschaft waren die "Ausquetschversuche" der Chefetage im jüngsten Fall nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Hinzu kämen neue Überwachungsmethoden der Mitarbeiter in Gegenwart ihrer Kollegen. Laut den in der Libération zitierten Gewerkschaften CGT und SUD hat Renault ein [extern] neues Managementsystem in Betrieb genommen, das es erlaubt, individuelle Leistungseinschätzungen der Mitarbeiter vorzunehmen. So werde z.B. mit einer "Leistungserhebung" gemessen, welchen Anteil bestimmte Mitarbeiter an der Erfüllung des Plan-Solls haben.
"Bei Renault verbessert man nicht die Arbeitsbedingungen, man urteilt die Mitarbeiter ab", so die CGT. Zudem sei die Anzahl der Ingenieure auf 4000 [extern] aufgestockt worden. Da die leitenden Posten aber nicht im gleichen Maße wachsen, gibt es immer weniger Aufstiegsmöglichkeiten und somit einen immer härteren Wettbewerb unter den Mitarbeitern. Ältere, erfahrenere Kollegen fallen aus dem Raster, weil sie sich in Einzelgesprächen schlechter verkauften. Da sie oft nur schwer gekündigt werden könnten, werde der Druck stark erhöht, in der Hoffnung, dass sie dann selbst kündigten.
Renault weist Verantwortung von sich
Die Suizide ließen ein gemeinsames Profil erkennen, erklärt Vincent Neveu: In allen Fällen handele es sich um "Ingenieure oder Techniker, die sich bei ihrer Arbeit sehr engagieren und ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung" gehabt hätten. Außerdem hätten die drei Opfer gemeinsam, dass sie im Hauptkomplex [extern] La Ruche des Technocentre an der Konzeption neuer Renault-Modelle arbeiteten. Die Gewerkschaften CGT und SUD [extern] forderten deshalb am Dienstag eine unabhängige Untersuchung der "sozialen Konsequenzen der Arbeitsorganisation" in dem Unternehmen. Die Direktion lehnt dies bisher ab.
Der dritte Suizid eines Angestellten des Technocentre innerhalb von vier Monaten "stellt uns vor viele Fragen und verweist jeden auf seinen Teil der Verantwortung", erklärte die Unternehmensleitung am Dienstag ausweichend. Diese Dramen spielten sich außerdem in einem "Bereich des Unternehmens ab, in dem nicht die schwierigsten Arbeitsbedingungen herrschen". Es könnten deshalb "derzeit keine Verbindungen zwischen den Arbeitsbedingungen" und diesen Vorfällen gezogen werden, meint die Unternehmensleitung.
Nur wegen dreier Suizide dürfe nicht mit Kanonenkugeln auf die gesamte Sozialpolitik von Renault geschossen werden.
Ein Suizid sei immer Ergebnis einer komplexen persönlichen Situation, deshalb sei es falsch, voreilige Schlüsse zu ziehen.
"Cost killer" Carlos Ghosn und der "Contrat 2009"
In der Tat scheinen die Zeiten aber endgültig vorbei, in denen Renault als gelungenes soziales Modell galt. Mit den sich häufenden Suiziden gerät nun die Politik des – auch "cost killer" genannten - Renault-Chefs Carlos Ghosn immer stärker in den Mittelpunkt der Kritik. Viele Angestellte berichteten von einer "angstbesetzten" Atmosphäre in dem Unternehmen, seitdem der vormalige Nissan-Chef 2005 den Vorsitz von Renault übernommen habe.
Im Februar 2006 hatte Ghosn in einem Dreijahresplan angekündigt, bis 2009 26 neue Modelle präsentieren zu wollen, darunter 13 völlige Neuheiten. Weitere Zielvorgaben waren die Ausweitung der Profitmargen von 3,2 auf 6 % und ein Anstieg der Verkäufe von 2,5 auf 4 Millionen Fahrzeuge. Verschiedene Gewerkschaften berichteten seitdem immer wieder, dass sich die Arbeitsbedingungen mit diesem "Contrat 2009" extrem verschlechtert haben. Die Kostenreduzierungen bedeuten wachsende Belastungen für die Mitarbeiter, Müdigkeit und Stress nehmen zu.
Anfang Februar [extern] erklärte Ghosn, Renault habe trotz leichtem Umsatzrückgang sein operatives Ziel im Rahmen des Vertrags 2009 erreicht. Ziel sei es, die derzeitige Gewinnmarge von 2,5 Prozent bis 2009 auf 6 Prozent zu steigern.
Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24704/1.html
Nun gibts es wieder neues aus dem Land von Rotwein und Liebe. Sind das die Vorboten für Deutschland?
Droht uns bald eine Welle von Selbstmorden oder gar Lynchjustiz.
Ist der Frust der gemobbten, ist das Faß bald voll? Verstehen könnte ich es!
Überlastung im Job "Die Arbeit hat ihn umgebracht"
Blick ins Werk von Peugeot-Citroen in Mühlhausen: Sechs Mitarbeiter des Autoherstellers nahmen sich das Leben.
Eine Serie von Suiziden erschüttert französische Konzerne. Die Hinterbliebenen klagen die Unternehmen an, doch die schweigen. Auch in Deutschland ist der Tod in der Arbeit ein Tabuthema.
Ihre Stimme versagt, als sie den Speicher neben der Küche betritt, wo sich ihr Lebensgefährte David Criquy in der Nacht zum 3. Februar erhängte. In den Händen hält sie seinen Abschiedsbrief: zwei kaum leserlich beschriebene DIN-A-4-Seiten, voller dahingeworfener Satzfetzen und Beschimpfungen:
"Hurensohn", "dreckiger Hurensohn", "Verrecke!!!!!" "Immer mehr Druck auf die Mitarbeiter machen."
David nennt die Namen dreier Vorgesetzter. Einem von ihnen droht er Gewalt an, die er schließlich gegen sich selber richtete. "Die Arbeit hat ihn umgebracht", flüstert Nathalie Lefebvre mehr, als sie es sagt. Das ist die feste Überzeugung der 29-Jährigen. Die Verzweiflung darüber, dass sich dies wohl nie beweisen lassen wird, ist der Grund, warum sie einen Fremden in ihr großes aufgeräumtes Haus mit Garten in den französischen Ardennen lässt. "Die Kinder dürfen niemals denken, er habe sich meinet- oder ihretwegen das Leben genommen. Es war die Arbeit." Auch ihr Anwalt glaubt dies, sieht aber trotz des Schreibens keine Handhabe, es nachzuweisen. Da geht es der jungen Mutter aus der Nähe von Sedan nicht besser als den anderen Witwen und Hinterbliebenen jener schrecklichen Serie von Suiziden, die Frankreich erschüttert.
Neben dem Elektromechaniker David Criquy töteten sich binnen eines Jahres fünf weitere Mitarbeiter des Autohersteller Peugeot-Citroën, zwei davon am Arbeitsplatz.
Jenseits aller Statistiken
Bei Renault begingen allein drei Beschäftigte des Technikzentrums bei Paris Selbstmord. Ein Designer sprang nach einer Sitzung aus dem fünften Stock. Ein anderer ertränkte sich im Teich auf dem Firmengelände. Die Liste ließe sich fortsetzen. EDF, Areva, Sodhexo, allesamt große Konzerne und Weltmarktführer, sind betroffen.
"Es wäre trotzdem ein Fehler zu glauben, dies sei ein französisches Phänomen", sagt Laurent Vogel, Fachmann für Arbeitsgesundheit beim Europäischen Gewerkschaftsinstitut in Brüssel. "Suizide am Arbeitsplatz gibt es überall in Europa. Nur sind sie erstens ein gesellschaftliches Tabu. Und zweitens werden sie von den Unternehmen verschwiegen, weil sie deren Streben nach immer höherer Produktivität in Frage stellen."
In Deutschland zum Beispiel taucht der Freitod am Arbeitsplatz in keiner Statistik auf."Theoretisch kann ein Suizid zwar die Folge eines Arbeitsunfalls sein, auch wenn er sich zu Hause ereignet. Das lässt sich aber so gut wie nie 100-prozentig belegen", sagt Sania Zec, Mitarbeiterin bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Das heißt gleichwohl nicht, keiner setzte in Deutschland, weil er die Arbeit nicht mehr aushält, seinem Leben ein Ende. "Mir erzählen viele Betriebsräte: Das gibt's bei uns auch", sagt Professor Dieter Sauer von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität der Bundeswehr München.
In Fachkreisen wie der "Initiative Neue Qualität der Arbeit" oder dem Forschungsprojekt "Partizipatives Gesundheitsmanagement", für das Sauer arbeitet, sind die Selbstmorde in Frankreich ein großes Thema. Sauer leitet mit der Schreckensserie inzwischen seine Vorträge ein. Sauers Kollege, Professor Michael Schumann vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen, der für VW eine Studie über innovative Arbeitsorganisation erstellte, kann das nur bestätigen: "Die neue Arbeitswelt kennzeichnet eine wachsende Grausamkeit gegenüber dem Individuum", sagt er.
Am Wochenende dienstliche E-Mails lesen, zur Sicherheit das Handy abhören und sich nach Feierabend noch mal an den PC setzen, das alles sei längst nicht nur für Führungskräfte selbstverständlich. Die Professoren fragen sich deshalb, ob die Humanisierung der Arbeitswelt in den siebziger Jahren, die Einführung von Gleitzeit und Vertrauensarbeitszeit, inzwischen inhumane Auswüchse zeigt.
Die Statistiken der Krankenkassen sprechen eine deutliche Sprache: Danach sind psychische Erkrankungen infolge von Arbeitsstress exponentiell gestiegen.
Nach der jüngsten Erhebung der Techniker Krankenkasse ließen sich 2006 von den 2,5 Millionen versicherten Beschäftigten etwa 33 000 krankschreiben, weil sie sich überfordert, unwohl oder müde fühlten. Auf Deutschland hochgerechnet ergibt sich daraus ein Ausfall von acht Millionen Arbeitstagen - ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Kosten für die Allgemeinheit, Angststörungen, Depressionen, Herzinfarkte oder Hörstürze zu kurieren, verdoppelten sich nahezu binnen eines Jahrzehnts.
Dabei gilt seit zehn Jahren das europäische Arbeitsschutzgesetz, womit auch psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz vorgebeugt werden soll. Es schreibt allen Betrieben vom VW-Konzern bis zum Bäcker vor, Gefahrenherde für die Gesundheit der Mitarbeiter zu eliminieren - und zwar nicht nur physisch messbare Quellen wie Lärm, Staub oder Chemikalien, sondern auch solche, die durch die Arbeitsorganisation entstehen. Allein, es hakt an der Umsetzung.
"Deutschland sitzt da schon auf der Anklagebank", sagt Tamara Hammer von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Sankt Augustin. Es gibt zu viele Klein- und Mittelbetriebe, als dass sie sich kontrollieren ließen und zudem keine Sanktionsmaßnahmen. Und selbst Beschäftigte verschweigen, wenn sie psychisch leiden, aus Scham oder Ignoranz. "Es ist auffällig, dass viele krank werden, dies aber nicht in Zusammenhang mit ihrer Arbeit bringen", sagt Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. "Sie sind so mit sich selbst und der Erreichung ihrer Ziele beschäftigt, dass sie nicht wahrnehmen, was mit ihnen passiert."
Ähnlich muss es mit David Criquy gewesen sein. Nathalie Lefebvre berichtet genau wie die anderen Hinterbliebenen über das, was Experten Entgrenzung der Arbeit nennen. Ihre Männer saßen auch nachts noch am Computer, um zu arbeiten, und schliefen kaum mehr als drei Stunden. Auf die Selbstmörder trifft ein weiteres Merkmal zu, das Sauer das Paradoxon der modernen Arbeitswelt nennt. Psychostress haben nicht die Fließbandarbeiter, sondern meist gut verdienende Führungskräfte, zu denen Betriebsräte keinen Draht haben und die gewerkschaftlich nicht organisiert sein wollen. In der Tat hatten alle Selbstmörder große Verantwortung, auch Criquy, der für das Instandhalten der Maschinen und damit fürs reibungslose Funktionieren des Werkes in den Ardennen zuständig war. Viele hatten leitende Positionen inne und damit einen Beruf, der als erstrebenswert gilt. In ihren Fällen kehrte sich die begehrte große Verantwortung jedoch in einen unerträglichen Druck um. Ein Phänomen, das in Deutschland, so die Fachleute, im Moment besonders Unternehmensberatern, Bankern, Versicherungskaufleuten zu schaffen macht.
In Frankreich ächzt die Autoindustrie unter internationalem Anpassungsdruck. Peugeot-Citroën-Chef Christian Streiff kündigte diese Woche eine Aufholjagd an, die Verdreifachung der Rentabilität in vier Jahren und 53 neue Modelle. Trotzdem sank der Aktienkurs. Das spüren irgendwann die Beschäftigten in jedem Werk.
"Das kurzfristige Quartalsdenken der Finanzmärkte schlägt auf die Arbeitsorganisation voll durch", sagt Sauer. Mitleid erntet niemand. Das Werk Mülhausen, von dessen Mitarbeitern sich fünf umbrachten, besuchte Streiff bislang nicht.
Stattdessen prämiert ein anderes Werk Mitarbeiter, die sich drei Jahre lang nicht krankschreiben ließen. Um weitere Selbstmorde zu verhindern, richtete Peugeot ein Not-Telefon und einen Krisenstab ein.
Das französische Pendant zur Bundesanstalt für Arbeitsschutz, INRS, hält das für völlig unzureichend. Experte Sauer sieht auch in gelobten Anti-Stress-Programmen, wie sie SAP oder IBM praktizieren, keine Lösung. Ein Anfang sei mit anonymen Fragebögen gemacht, wie sie die IG Metall in manchen Unternehmen verteilt, um den Befindlichkeiten der Mitarbeiter auf die Spur zu kommen. Im Prinzip aber müsste sich der Arbeitsprozess tiefgreifend ändern:
"Das ist ein ganz heißes und politisches Thema, weil es auf einen Konflikt zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung hinausläuft",sagt Sauer. Im Idealfall müssten die Beschäftigten die Organisation ihrer Arbeit sogar selbst mitbestimmen können. Dazu wird es bei Peugeot sicher nie kommen, schon weil dort Gewerkschaften keinen hohen Stellenwert haben. In vorauseilendem Gehorsam votierten die Arbeitnehmervertreter in Criquys Werk kurz nach dessen Tod gegen eine interne Untersuchung. Gegenüber der ermittelnden Staatsanwaltschaft verweigerten Criquys Kollegen die Aussage.
Unter Wahrung der Anonymität schimpfen sie jedoch über die Arbeitsbedingungen. Sieben der 20 Kollegen, sagt einer, wollten die Abteilung verlassen. Die von Criquy angegriffenen Vorgesetzten gaben zu Protokoll, keine besonderen Vorkommnisse bemerkt zu haben. Nathalie Lefebvre fragten die Ermittler, ob es denn nicht sexuelle Probleme in ihrer Beziehung gegeben habe und warum sie nicht verheiratet gewesen seien. Auch die anderen Firmen machen keine Anstalten, intern ernsthaft etwas zu verändern oder nach den Gründen für die Selbstmorde zu forschen.
In Tours klagt der Sohn eines Mitarbeiters des Stromkonzerns EDF seit drei Jahren gegen das Unternehmen. Vier Mitarbeiter nahmen sich in dem Werk das Leben, aber der EDF-Anwalt beharrt auf der Feststellung, ein Suizid habe immer mehrere Ursachen.
Beim Kantinen-Lieferanten Sodexho verweist man zur Verblüffung der Hinterbliebenen auf die angeblichen Probleme der Selbstmörderin mit ihren Kindern und ihrem Freund. Den Abschiedsbrief, in dem sie ihre Vorgesetzten anklagt
Auch Renault stellt sich stur. Dabei hatte der Designer, der das neue Hoffnungsträger-Modell Laguna konzipierte, in seinem Abschiedsbrief namentlich Konzernchef Carlos Ghosn und dessen allzu ehrgeizige Ziele angeprangert. "Die große Mehrheit unserer Mitarbeiter will diese Ziele beibehalten", sagt dazu lapidar Personalchef Gérard Leclerc.
Die Einzige, die bisher einen kleinen Sieg errang, ist die Frau des Renault-Logan-Designers, der sich aus dem fünften Stock stürzte. Den Selbstmord ihres Mannes erkannte die Sozialversicherung als Arbeitsunfall an. Ihn hatten Kollegen als unfähig beschimpft, vergeblich bat er um seine Versetzung. Hinzu kam, so zynisch es klingt, dass er sich während der Arbeitszeit auf dem Firmengelände tötete.
Auch Nathalie Lefebvre hätte diese Anerkennung gern, zumindest für die Kinder. Weil sie nicht verheiratet war, hat sie keinen Anspruch auf Hinterbliebenenrente. So schickt sie klaglos der Versicherung wieder und wieder alle angeforderten Papiere, auch wenn sie sicher ist, sie längst versandt zu haben. Und wartet auf den Entscheid. "Vor kurzem kannte ich solche Schreckensgeschichten nur aus dem Fernsehen", sagt sie, "jetzt bin ich selber Teil des Films." Ihre Kinder wissen bis heute nicht, dass ihr Papa Selbstmord begangen hat.
Und weil es die Methodik so verdeutlicht noch ein älterer Artikel der SZ. Er könnte auch beginnen: einst hatte VW eine Betriebsvereinbarung...
Suizid von Renault-Mitarbeitern Tod im Teich
Renault galt einst als einer der sozialsten Arbeitgeber Frankreichs. Nun werfen drei Selbstmorde ein schlechtes Licht auf die neue Unternehmenspolitik.
Von Michael Kläsgen
Glänzende Aussichten bei Renault? Der Schein trügt, soll doch Mobbing am Arbeitsplatz ein Grund für den Suizid von drei Renault-Mitarbeitern gewesen sein. Bevor sich Raymond D., 38, in seiner Wohnung erhängte, klebte er einen Brief an den Computer-Bildschirm in seinem Büro. Darin resümiert er das letzte Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Es ist eine Klageschrift gegen die Arbeitsbedingungen bei Renault. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun. Sie will nicht die Umstände des Todes klären. Dass es sich um Selbstmord handelt, steht außer Zweifel. Die Ermittler untersuchen, ob Raymond D., vereinfacht ausgedrückt, gemobbt wurde und ihn Psychoterror am Arbeitsplatz in den Freitod trieb. Wie ein Gewerkschafter berichtet, dürfen Mitarbeiter neuerdings bei Renault ihre Kollegen anschwärzen, damit die Arbeitsleistung gesteigert wird.
Suizid Nummer drei
Raymond D., Vater eines fünfjährigen Sohns, ist der dritte Mitarbeiter des Technikzentrums von Renault bei Paris, der sich innerhalb von vier Monaten das Leben nahm. Einer von ihnen war aus dem fünften Stock des Bürogebäudes gesprungen. Der andere hatte sich im künstlich angelegten Teich auf dem Firmengelände ertränkt. Für beide hatten die Gewerkschaften vor drei Wochen einen Schweigemarsch auf dem Gelände veranstaltet. Inzwischen erschüttert die mysteriöse Selbstmordserie ganz Frankreich. Die drei waren Mitarbeiter eines Teams, das für den strauchelnden Autohersteller in kürzester Zeit 26 neue Modelle entwerfen soll.
"Der Erfolg hängt nur von den Modellen ab", hatte der neue Renault-Chef Carlos Ghosn den Designern Anfang Februar eingebläut.Raymond D. hatte die Aufgabe, das neue Oberklasse-Modell Laguna mitzuentwickeln, das dem VW Passat oder der Mercedes-C-Klasse Paroli bieten soll.
Druck durch "Drei-Jahres-Plan"
Für die Gewerkschaften steht der Schuldige fest: Es ist der Drei-Jahres-Plan von Ghosn, der für Psychostress bei Renault sorge. Die Fristen würden kürzer, die Ansprüche höher und die Arbeitsvolumen größer. "Die Mitarbeiter ertragen den Druck nicht mehr", sagt Vincent Neveu von der CGT. "Manche kommen morgens zur Arbeit, setzen sich auf ihren Stuhl und reden den ganzen Tag kein Wort", berichtet ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will.
Die Unternehmensleitung warnt vor übereilten Schlüssen. "Da kommt Privates und Berufliches zusammen", sagt Personalchef Jean-Charles Rebours. "Für Selbstmord gibt es nie nur einen Grund." Konsternation herrscht trotzdem an der Konzernspitze.Früher galt Renault als einer der sozialsten Arbeitgeber Frankreichs. Jetzt richtet der Autobauer einen Stab von Seelsorgern im Technikzentrum ein. Ein Gewerkschafter berichtet, er habe viele Anrufe von Ehefrauen erhalten, die befürchten, auch ihr Mann könnte "Dummheiten" machen.
(SZ vom 23.02.2007)
Geschrieben von root
in gewerkschaft
um
09:24
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Tags für diesen Artikel: arbeiterbewegung, automobil industrie, betriebsrat, freie presse, gewerkschaft, mobbing, renault, suizid, volkswagen
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